Kieler Nachrichten, 21.März 2003
Mit 26 nationalen Meistertiteln war Magdalena Brzeska Deutschland's Aushängeschild in der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG). Seit ihrem Rücktritt 1998 ist es ruhiger um die RSG geworden. Mit Hochdruck arbeitet der Deutsche Turnerbund (DTB) daran, die Sportart medienwirksam ins Rampenlicht zurückzuführen. Hilfe könnte der DTB dabei womöglich aus Kiel erhalten, wo kürzlich ein neuer Stern am Gymnastikhimmel aufgegangen ist. Seit zwei Jahren schwimmt Nachwuchstalent Lisa Catharina Jöhnk auf einer Erfolgswelle.
Fernab von Seil, Reifen, Ball, Keulen und Band gibt sich die elfjährige Sechstklässlerin des Gettorfer Isarnho-Gymnasiums so unbeschwert, wie während ihrer Übungen. Eine nahezu perfekte Körpertechnik verbunden mit viel Ausdrucksstärke katapultierte die Gymnastin vom Kieler Turnerbund (KTB) innerhalb von 24 Monaten vom Neuling zum Hoffnungsträger. Angetan hat es Lisa ein Besuch des "Feuerwerks der Turnkunst" in der Ostseehalle. "Dort habe ich eine Gymnastin gesehen und wollte hinterher genau dasselbe machen", erinnert sich die gebürtige Kielerin, die mit ihren Eltern Kerstin und Carl-Friedrich sowie ihren Brüdern Gedeon (3) und Leonard (9) vor den Toren der Landeshauptstadt in Gettorf wohnt. Gesagt, getan. Dem Beitritt in die RSG-Gruppe im KTB, dem sich auch Mutter Kerstin Jöhnk als Trainerin anschloss, folgte sogleich der sechste Platz bei den Landesmeisterschaften in der Kinder-Wettkampfklasse. "Das kam ziemlich überraschend", war Kerstin Jöhnk von der Entwicklung ihrer Tochter angetan. Als Lisa im darauf folgenden Jahr bereits zweitbeste Gymnastin im Land war, wurde Bundesstützpunkttrainerin Larissa Drygala während eines Ländervergleichkampfes auf das Kieler Talent aufmerksam. Auch aufgrund ihres Anratens turnt Lisa seitdem als einzige Gymnastin in Schleswig-Holstein in der Kinder-Leistungsklasse.
"Sie bringt hervorragende körperliche Voraussetzungen mit und kann neue Dinge sehr schnell umsetzen. In ihr steckt viel Potential, was behutsam ausgeschöpft werden muss", lobt Drygale und fügt nach kurzer Pause hinzu:"Sie ist ein Rohdiamant". Allerdings bedarf es für solche außerordentlichen Schätze der richtigen Förderung. Viermal die Woche trainiert Lisa beim KTB, einmal im Monat geht es zum Stützpunkttraining nach Bremen.
Wenn die Kielerin am kommenden Wochenende an den Bremer Landesmeisterschaften (außer Konkurrenz) teilnimmt, kann sie sich im Hinblick auf eine Aufnahme in den DTB-Perspektivkader den prüfenden Blicken der Talentsichter gewiss sein."Wenn der DTB sie berufen würde, müsste das Trainingspensum auf jeden Fall erhöht werden", blickt Drygala voraus.
Ende April geht es für Lisa Jöhnk, die nach der Schule gerne Jura studieren würde, um die Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften. "Die Quali ist mein Ziel für dieses Jahr.", blickt der fan der Russin Irina Tschaschina optimistisch in die Zukunft. Bei allen Perspektiven will Lisa Jöhnk dennoch nichts um jeden Preis erzwingen:"Die bewegung zur Musik in Verbindung mit den Geräten macht mir super viel Spaß. Wenn das eines tages nicht mehr so sein sollte, würde ich was ändern". Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis ihres Erfolges verborgen.
Frank Molter